Reiseerlebnisse auf der Hinfahrt nach Rey Bouba. 

Diese Feststellung habe ich auf meiner bisherigen Reise nun schon des Öfteren gemacht. Ich bin Abiturient und begleite Frau Scheiner für 3 Monate auf ihrer Reise nach Rey Bouba und unterstütze sie bei ihrer Arbeit im Waisenhaus (Das Waisenhaus wurde von Frau Scheiner und den Kindern umbenannt in Kinderhaus / Maison des Enfants, um dem Haus den Stempel der Armut zu nehmen).

Wir sind nun mittlerweile schon 2 ½ Wochen unterwegs und sind auch endlich in Rey Bouba angekommen. Unsere bisherige Route führte uns von Douala aus nach Yaounde und über Ngaoundéré zunächst nach Maroua. Dort haben wir eine gute Woche bei AFEMDI, dem Frauenprojekt, das von Frau Scheiner und Mme Toukour geleitet wird und sich für die Selbstständigkeit und die Alphabetisierung von Frauen in Maroua einsetzt, gewohnt und sind dann weiter nach Rey Bouba gefahren.

Insgesamt war diese Reise eine wahre Mammuttour, da wir zunächst von Douala nach Yaounde fahren mussten, was schon einmal mehrere Stunden in Anspruch nahm. Die Länge und die schlechten Straßenverhältnisse machten die Fahrt nicht gerade angenehm. Wenn ich sie im Nachhinein allerdings mit dem vergleiche, was noch kam, war sie noch recht erträglich. Aber die Straßen hier würden in Deutschland vermutlich nicht mal als Feldwege durchgehen, bei der Anzahl und Größe der Schlaglöcher.

Anschließend mussten wir den Zug nehmen, um die Hälfte der nächsten Strecke (1200 Km) zurückzulegen. Wir sind erste Klasse gefahren, was allerdings nicht viel bedeutet, wenn man auch hier von unseren deutschen Verhältnissen ausgeht. Wir hatten zwar Betten, allerdings waren das mehr ungemütliche Liegen und die waren auch noch klein und kratzig. Ich musste mein Bett zudem auch noch mit meiner Gitarre teilen, da für die sonst kein Platz mehr war.

Nach einer Nacht im Zug, die von viel Geschrei geprägt war, da an jedem Bahnhof Kinder und Frauen waren, die Wasser und Gemüse verkauft haben und das auch lautstark verkündeten „LOLOLOLOLO“ (L’eau=Wasser), sind wir dann vormittags auf den Bus umgestiegen, was eine weitere 6-8 Stunden Fahrt bedeutete. Obwohl Fahrt vielleicht das falsche Wort zur Beschreibung dieses Erlebnisses ist. Es war eher eine Achterbahn gekreuzt mit einer Sauna. Dann sind wir endlich in Maroua angekommen.Dort habe ich bereits erste Eindrücke über die Arbeit von Mme Toukour und Frau Scheiner, das Leben in Maroua und die Menschen hier erlangt. Unter anderem eben auch, dass die Kameruner das mit der Pünktlichkeit etwas anders sehen als wir.

Von Maroua aus sind wir später als beabsichtigt nach unserem Aufenthalt dann weiter nach Rey Bouba gefahren. Zumindest war das der Plan. Doch so einfach war das nicht. Durch die starken Regenfälle waren viele der Straßen unpassierbar, weshalb wir einen „kleinen“ Umweg machen mussten. Anstatt 3-4 Stunden bis nach Rey Bouba zu fahren sind wir 8 Stunden bis nach Tcholliré gefahren, was noch ca. 2 Stunden Autofahrt von Rey Bouba entfernt liegt. Und die letzten 2 Stunden vor Tcholliré waren fahrtechnisch der absolute Horror. Nicht mal im Freizeitpark wird man so durchgeschüttelt. Doch wir sind zum Glück noch mit allen Knochen und sogar ohne einen Platten angekommen und haben dann eine Nacht in Tcholliré verbracht. Dafür mussten wir uns ein Zimmer in einer alten Mission mieten, was über Betten verfügte. Und ansonsten über gar nichts. Also wirklich gar nichts. Kein Strom, kein Wasser und auch sonst nichts. Doch: mir fällt gerade ein, dass es an den Fenstern Mückengitter gab, die wirklich geschlossen und unverletzt waren (wirklich etwas Besonderes). Wir hatten in dieser Nacht kein Mückenproblem. Zum Schlafen hat es also gereicht. Am nächsten Morgen ging es dann weiter nach Rey Bouba. Dieser Abschnitt der Etappe brachte uns dann allerdings den am Vortag noch vermiedenen Platten. Doch wir haben auch dieses Hindernis überwunden und unsere Reise fortgesetzt.Meine ersten sonstigen Erfahrungen und Erlebnisse möchte ich in diesem Bericht darstellen.

Zunächst einmal ist das Erste, was mir aufgefallen ist, zweifelsohne der Straßenverkehr. So etwas wie Verkehrspolizei und TÜV scheint es überhaupt nicht zu geben. Die Verkehrsmittel werden wohl nach dem Prinzip: „Es fährt, also wird es genutzt“ ausgesucht. So dienen Sicherheitsgurte, Scheinwerfer, Blinker etc. offensichtlich nur zur Dekoration. Mir wurde auch berichtet, dass 95% der Fahrer gar keinen Führerschein besitzen. Man setzt sich einfach in ein Auto oder auf ein Motorrad und fährt los. Obwohl es kaum Autos gibt im Vergleich zu den Motorrädern. Ca. 9 von 10 Fahrzeugen, die man sieht, sind Motorräder und die meisten von denen sind Motorradtaxis. Zunächst war ich noch etwas steif, sobald ich mich in ein Auto gesetzt habe und hatte ab und zu mal eine Schrecksekunde, allerdings hat sich das mittlerweile gelegt.

Noch etwas, das mir gleich aufgefallen ist, ist, dass so ziemlich alle, die ich bisher kennen gelernt habe, mir gegenüber sehr freundlich und aufgeschlossen sind. Besonders die Frauen im Alphabetisierungsprojekt haben mich sehr herzlich willkommen geheißen und mit offenen Armen empfangen. Auch auf der Straße werde ich (vor allem von Kindern) sehr häufig gegrüßt oder einfach angelächelt oder zum Teil auch angestarrt, da ein Weißer in dieser Gegend durchaus etwas Besonderes ist. Dementsprechend ist das Wort, das ich hier bisher am häufigsten gehört habe Nasara (in der Fulfulde-Sprache des Nordens das Wort für Weißer). Dieses Wort wird entweder laut ausgerufen oder leise genuschelt, sobald mich jemand sieht. Mir wurde aber auch erklärt, dass dieses Wort keineswegs abwertend ist, sondern dass die Menschen sich über die Anwesenheit eines Nasara freuen.

Trotz dieser schönen Erfahrungen mit den Menschen habe ich doch auch schon einiges gesehen, was mich negativ beeindruckt hat. Die Wohnbedingungen z.B. sind sehr schlecht. Zwar sieht man solche Bilder häufig im Fernsehen oder in Zeitungen, aber wirklich eine 8-köpfige Familie zu besuchen, die auf engstem Raum und ohne jeglichen Besitz in einer Lehm-/Blechhütte wohnt, das ist noch mal etwas ganz anderes. Solche Bilder lassen einen – glaube ich – nicht mehr los und verschaffen mir zumindest noch mal einen ganz anderen Blickwinkel auf den Luxus, den wir in der westlichen Welt genießen können. Allerdings haben viele Menschen, die ich hier bisher kennen gelernt habe, uns etwas voraus: ihren Erfindungsreichtum. Denn Not macht erfinderisch und so werden viele Dinge, die wir als nutzlos oder kaputt erachten würden, einfach kurzerhand umfunktioniert und anderswo verwendet. Beeindruckt hat mich z.B. wie ein junger Mann aus Pappe und alten Teppichstücken ein paar Flip-Flops gebastelt hat.

Neben den Wohnbedingungen sind auch die Arbeitsverhältnisse wirklich erschreckend. Wir haben eine Gerberei am Rande von Maroua besucht, damit ich mir ein Bild davon machen kann, wie die Menschen hier arbeiten müssen. Die Männer der Gerberei schaffen dort den ganzen Tag und verrichten schwere körperliche Arbeit, um wenigstens ein bisschen was zu verdienen. Sie leben z.T. von weniger als 10 Euros im Monat. Und der Geruch in dieser Gerberei war für mich wirklich schwer erträglich. Außerdem arbeiten sie dort den ganzen Tag unter direkter Sonneneinstrahlung. Sie schuften im Wahrsten Sinne des Wortes.

Außerdem habe ich gelernt, dass man alles sofort machen sollte, weil man nie weiß, wann es zum nächsten Mal die Möglichkeit dazu gibt. Also: Geräte laden, solange Strom da ist, Duschen solange fließend Wasser vorhanden ist und auf’s Klo gehen, solange eines zu gegen ist und man sich nicht in den Büschen unter Mückenbefall erleichtern muss. Diese Lektion sollte man allerdings schnell lernen, da man sonst in unangenehme Situationen geraten kann.

Eine weitere Erfahrung, die ich gemacht habe, ist die, dass Lautstärke hier offensichtlich anders wahrgenommen wird, als bei uns. So telefonieren viele Kameruner, die ich bisher getroffen habe – egal ob im überfüllten Bus oder auf der Straße – in einer beeindruckenden Lautstärke, sodass das Telefonat auch gefühlt noch 30m weiter zu verstehen ist. Auch im schon angesprochenen Verkehrschaos ist die Lautstärke durchaus hoch, da die Hupe das einzige ist, was den Verkehr zu regeln scheint. Mittlerweile habe ich mich schon so an das Hupgeräusch gewöhnt, dass ich es zum Teil gar nicht mehr höre, was natürlich nicht sonderlich empfehlenswert ist.

Als Weißer sollte man immer etwas mehr Geld einplanen, als wenn man als Einheimischer etwas kaufen will, denn für mich ist alles sehr viel teurer, als für die Menschen, die hier leben. Ein Weißer ist hier eine wandelnde Geldbörse für die Einheimischen. Man muss eben wissen, wie man gutes Geld verdienen kann und das wissen auch die Straßenhändler, die hier jegliche Supermärkte ersetzen. So etwas wie einen Einkaufsladen gibt es hier so gut wie gar nicht. Der einzigen Laden, den ich hier bisher (und zwar nur in der Großstadt Maroua) gesehen habe, hatte ein sehr stark eingeschränktes Sortiment und war außerdem äußerst klein. Auf ca. 8 m² wurden ein Paar Konserven und Nahrungsmittel angeboten und das war es dann auch schon wieder. Ich war in diesem Laden zusammen mit Mme Toukour, die darauf bestand, mir einige Konserven zu kaufen, damit ich nicht noch magerer werde. Deshalb habe ich jetzt als „Notfallration“ 3-mal Ravioli aus der Dose und 4-mal Rinderwürstchen. Hoffentlich bin ich nicht gezwungen darauf zurückzugreifen, aber falls doch, ist es gut zu wissen, dass man etwas im Schrank hat, wenn mal Not am Mann ist.

Insgesamt habe ich also schon vor der Ankunft in Rey Bouba, was ja unser eigentliches Reiseziel war, viele Erfahrungen gesammelt, die mir hoffentlich auch helfen, hier besser klar zu kommen.Die nächste Etappe der Ereignisse in Rey Bouba kommt dann als zweiter Bericht, sobald ich mich eingelebt und gearbeitet habe.

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